Sind dumme Hunderassen die besseren Anfängerhunde?

Unter meinem letzten Video stand ein Kommentar, der mich seitdem beschäftigt. Sinngemäß schrieb ein Zuschauer, dass vermeintlich dumme Hunderassen am Ende die leichteren sind. Sie brauchen länger, bis sie etwas begreifen, dafür aber auch länger, bis sie die Fehler ihres Menschen begreifen.

Und ehrlich gesagt: Der Mann hat einen Punkt.

Genau deshalb habe ich mir das Buch besorgt, aus dem die berühmteste Intelligenzrangliste für Hunderassen stammt, und es von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Anschließend habe ich dagegengehalten, was die Forschung seither herausgefunden hat, von einer ungarischen Halterbefragung bis zu einer Arbeit aus dem Fachblatt Science mit über 18.000 Hunden. Was dabei herauskam, hat meine eigene Empfehlungsliste für Anfängerhunde ins Wanken gebracht.

Disclaimer:
Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die in diesem Artikel verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.

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Was mit dem Begriff dumme Hunderassen überhaupt gemeint ist

Wer im Netz nach dummen Hunderassen sucht, landet innerhalb weniger Klicks bei derselben Aufzählung, und zwar unabhängig davon, ob dort von dummen Hunderassen oder von den dümmsten Hunderassen die Rede ist. Sie taucht in Magazinen auf, in Foren, in Ratgebern und regelmäßig auch in Kommentarspalten unter meinen Videos. Meistens steht dabei, ein Wissenschaftler habe die Intelligenz von Hunderassen gemessen und daraus eine Rangfolge erstellt.

Diese Darstellung stimmt nur zur Hälfte. Gemessen wurde tatsächlich etwas, allerdings war es keine Intelligenz im umgangssprachlichen Sinn. Deshalb lohnt sich der genaue Blick darauf, wer da befragt wurde und unter welchen Bedingungen.

Bevor wir dorthin kommen, schauen wir uns aber an, welche Rassen als dumme Hunderassen gehandelt werden. Denn ihre Zusammensetzung verrät bereits einen guten Teil der Auflösung.

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Welche Hunderassen als dumm gelten, und was sie gemeinsam haben

Ganz unten in der öffentlichen Achtung stehen die Windhunde, allen voran der Afghane. Dazu kommen die asiatischen Urtypen wie Chow Chow und Shar Pei, deren Eigensinn gern als Dummheit ausgelegt wird. Außerdem tauchen der Basenji auf, der Bloodhound und der Bassethound. Der Beagle ist Dauergast, und natürlich fehlen die kurznasigen Gesellschaftshunde nicht, also Mops, Pekingese, Shih Tzu und die Bulldoggen.

Fällt dir etwas auf? Auf diesen letzten Plätzen steht kein einziger Hund, der für die enge Zusammenarbeit mit dem Menschen gezüchtet wurde. Da findet sich kein Hütehund, kein Retriever, kein Gebrauchshund. Stattdessen versammeln sich dort drei Gruppen: Jagdhunde, die auf Distanz selbst entscheiden mussten, Wächter, die niemanden um Erlaubnis fragen, und Gesellschaftshunde, deren Aufgabe schlicht darin bestand, angenehm zu sein.

Ein Afghane wurde dafür gezüchtet, im unwegsamen Gelände außer Sichtweite seines Menschen Gazellen zu stellen. Ein Bloodhound arbeitet stundenlang an einer Fährte, ohne dass ihm jemand sagt, wo es langgeht. Und ein Chow Chow musste nachts am Hof selbst beurteilen, wer dazugehört und wer eine Gefahr darstellt. Alle drei haben ihre Arbeit über Jahrhunderte erledigt, weil sie eigenständig entscheiden konnten.

Die Liste der angeblich dummen Hunderassen ist damit vor allem eines: eine Liste der eigenständigen Rassen.

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Dumme Hunderassen: Woher die berühmte Rangliste stammt

1994 zurück. Entstanden ist sie über eine Umfrage, und zwar unter Preisrichtern aus dem Obedience-Sport in den USA und Kanada. Rund zweihundert dieser Fachleute schickten ihre Bögen zurück.

Ihre Aufgabe war überschaubar. Sie sollten die populärsten Rassen einschätzen und danach diejenigen zehn benennen, die sie für besonders klug halten, sowie diejenigen zehn, bei denen sie das Gegenteil erleben. Aus diesen Nennungen entstand die Rangfolge, die heute überall zitiert wird.

Was ein Platz in dieser Liste bedeutet, ist erstaunlich handfest. Wer ganz oben steht, versteht ein neues Signal in weniger als fünf Wiederholungen und führt ein bekanntes Signal fast immer beim ersten Mal aus. Wer ganz unten steht, braucht dafür häufig über hundert Wiederholungen.

Gemessen wurde damit Gehorsamsbereitschaft im Wettkampf. Coren selbst hat nie etwas anderes behauptet, im Gegenteil: Er nennt dieses Merkmal ausdrücklich Arbeits- und Gehorsamsintelligenz und stellt ihm in seinem eigenen Buch zwei weitere Formen zur Seite. Ins Internet geschafft hat es davon allerdings nur die eine Spalte.

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Dumme Hunderassen in der Trainingskultur von 1994

Jetzt kommt der Punkt, der mir beim Lesen am wichtigsten wurde. Diese Zahlen sind unter einer Trainingskultur entstanden, die es in guten Hundeschulen heute nicht mehr gibt.

Wie sie aussah, beschreibt dasselbe Buch in seinen Trainingskapiteln ganz offen. Empfohlen wurde, Dominanz aufzubauen, den Hund systematisch überall anzufassen, ihn festzuhalten, ihn auf die Seite zu drehen und ihm bei Futter, Türen und Ruheplätzen den Vortritt zu nehmen. Dahinter stand das Bild vom Alphawolf, das die Wolfsforschung inzwischen selbst zurückgenommen hat.

Überleg dir kurz, was das für die Rangfolge bedeutet. Wird Gehorsam unter Druck gemessen, schneidet ein sensibler oder eigenständiger Hund zwangsläufig schlecht ab. Er erstarrt, er weicht aus, er stellt sich quer. Ein kooperationsfreudiger Retriever dagegen macht in diesem Setting weiter mit. Die Liste misst deshalb zwei Dinge auf einmal, nämlich den Hund und die Methode.

Dass Druck dabei auch noch der schwächere Weg ist, wissen wir heute ziemlich sicher. In einer britischen Untersuchung mit über dreihundert Haltern zeigten Hunde aus Haushalten mit viel Strafe mehr Problemverhalten und keinen Deut mehr Gehorsam. Eine portugiesische Arbeitsgruppe hat außerdem bei über neunzig Hunden aus sieben Hundeschulen Stresshormone im Speichel gemessen: Wer mit Härte trainiert wurde, zeigte mehr Stresssignale und hatte nach dem Training höhere Werte.


Was Hundeintelligenz aus Sicht der Forschung bedeutet

Kommen wir zur Kernfrage. Gibt es dumme Hunderassen überhaupt?

Die moderne Kognitionsforschung arbeitet gar nicht mit einer einzigen Zahl für Klugheit. Stattdessen zerlegt sie das, was wir umgangssprachlich Intelligenz nennen, in mehrere Bereiche, die weitgehend unabhängig voneinander funktionieren. Dazu gehören Gedächtnis, Selbstbeherrschung, räumliches Verständnis, das Lösen neuer Probleme und die Fähigkeit, menschliche Signale zu lesen.

Die aufschlussreichste Untersuchung zu der Frage, ob es dumme Hunderassen gibt, kommt aus Finnland. Dort haben tausend Hunde aus dreizehn Rassen eine standardisierte Testreihe durchlaufen, also echte Aufgaben gelöst, statt von ihren Haltern eingeschätzt zu werden. Sie mussten Zeigegesten deuten, einen Umweg um eine durchsichtige Absperrung finden, Futter aus einem durchsichtigen Zylinder holen, ohne dagegenzustoßen, und sich an einer Aufgabe versuchen, die gar nicht lösbar war.

Das Ergebnis ist für unsere Frage entscheidend. Unterschiede zwischen den Rassen fanden sich beim Deuten menschlicher Gesten, bei der Selbstbeherrschung, beim räumlichen Problemlösen und bei der Frage, ob ein Hund an einer unlösbaren Aufgabe allein herumprobiert oder Hilfe beim Menschen sucht. Beim Gedächtnis und beim logischen Denken unterschieden sie sich dagegen nicht.

Besonders unbequem wird es beim genauen Hinsehen. Border Collie und Australian Shepherd konnten sich am Zylinder am besten bremsen, Malinois und Deutscher Schäferhund am schlechtesten. Dieselben zwei Rassen waren es außerdem, die an der unlösbaren Aufgabe am häufigsten allein weiterprobierten, ohne sich ein einziges Mal an ihren Menschen zu wenden.

Dazu passt eine amerikanische Auswertung zur Erblichkeit kognitiver Fähigkeiten. Am deutlichsten an der Rasse hängen demnach die Selbstbeherrschung mit rund siebzig Prozent und die Verständigung mit dem Menschen mit rund fünfzig Prozent. Gedächtnis und Kombinationsgabe liegen dagegen bei etwa zwanzig Prozent.

Übersetzt in den Alltag heißt das: Was sich zwischen Rassen unterscheidet, ist die Bremse und die Bereitschaft nachzufragen. Was wir dagegen Klugheit nennen, trennt die Rassen kaum. Dumme Hunderassen gibt es in diesem Sinn nicht, es gibt eigenständige.

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Sind dumme Hunderassen die besseren Anfängerhunde

Bleibt die praktische Probe. Wenn die These stimmt, müssten die klassischen Anfängerempfehlungen im unteren Teil der Ranglisten stehen.

Dafür nehme ich die Budapester Halterbefragung mit 5.733 ausgewerteten Hunden aus 98 Rassen. Dort beschreiben Halter ihren Hund als klug, lernschnell, erfinderisch und verspielt, woraus ein Merkmal namens Trainierbarkeit entsteht.

Ganz unten stehen dort Irischer Wolfshund, Lhasa Apso und Alaskan Malamute, kurz darüber der Siberian Husky. Für Einsteiger würde ich keinen dieser Hunde empfehlen, und wer meine Videos kennt, weiß auch warum. Direkt daneben findet sich allerdings der Eurasier, also meine eigene Nummer eins der Anfängerhunde, und ebenso der Malteser.

Am oberen Ende sieht es genauso gemischt aus. Dort sitzen der Australian Shepherd und der Malinois, beide alles andere als Ersthunde. Dazwischen liegt der Labrador Retriever, seit Jahrzehnten der Anfängerhund schlechthin.

Beide Enden der Skala enthalten also Anfängerhunde und Anfängerfallen, munter durchmischt. Damit ist die These an den Daten gescheitert, und zwar unabhängig davon, welche Liste man nimmt. Wer tiefer einsteigen will, findet die Gegenprobe in meinem Artikel über schwierige Hunderassen und in der Übersicht der Anfängerhunde.

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Warum kluge Hunde Anfängerfehler härter bestrafen

Trotzdem hat der Zuschauer aus meinem Kommentarfeld einen wahren Kern erwischt, und ausgerechnet Coren liefert dafür das Beispiel.

Er beschreibt eine Anfängerklasse mit einem Golden Retriever namens Shadow. Ein Jugendlicher gibt dem Hund drei widersprüchliche Signale in einem einzigen Satz. Shadow versucht daraufhin, alle drei gleichzeitig auszuführen, senkt den Vorderkörper, zieht sich am Boden vorwärts und beginnt zu winseln. Der Hund war klug genug, alle drei Wörter zu verarbeiten, und zerbrach an dem Widerspruch. In derselben Klasse saßen zwei Bulldoggen, die auf dieselbe konfuse Ansage entspannt reagierten und sich hinlegten, weil bei ihnen nur das letzte Wort ankam.

Genau das meint der Kommentar. Ein lernschneller Hund lernt deine Fehler so schnell wie deine Signale. Im selben Kapitel stehen weitere Beispiele: der Hund, der nach drei Wiederholungen bei jedem Öffnen des Kühlschranks vor den Füßen steht, die Pudelhalterin, die das Wort für Spaziergang nicht mehr aussprechen durfte, und ein Border Collie, der sich durch Fliegengitter, Fenster und am Ende durch Wände arbeitete, um nach draußen zu kommen.

Ein Anfänger macht in den ersten Monaten zwangsläufig Fehler. Ein schneller Hund macht daraus Gewohnheiten, bevor jemand eingreift. Falsch ist allerdings die Schlussfolgerung daraus, denn im selben Buch steht auch, dass kluge Rassen die Grundausbildung dringender brauchen als die langsameren. Ohne Training sind sie schlicht zu viel.

Was einen Ersthund wirklich leicht macht

Was macht einen Hund nun leicht, wenn es die Klugheit nicht ist?

Die schönste Antwort steht mitten in diesem alten Buch, und sie besteht aus einem einzigen Satz: Das Wichtigste ist die Bereitschaft, eine gelernte Aufgabe überhaupt ausführen zu wollen. Der Autor nennt das ausdrücklich eine Frage der Persönlichkeit und keine Frage der Intelligenz. Dazu kommen Aufmerksamkeitsspanne, Ausdauer ohne schnelle Frustration und die Fähigkeit, sich nicht von jedem Geräusch ablenken zu lassen.

Damit trifft sich ein Buch von 1994 mit der aktuellen Forschung, was mich beim Lesen fast gerührt hat. Die zwei Merkmale, die zwischen Rassen am deutlichsten vererbt werden, heißen Selbstbeherrschung und Verständigung mit dem Menschen. Genau dieselben zwei Dinge trennen die Rassen in der finnischen Testreihe.

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Die Erregungslage kannst du übrigens sehen, bevor du dich entscheidest, und das ist mein wichtigster Tipp für den ersten Hund. Geht ein Hund an einem Radfahrer hoch und schüttelt sich zwanzig Sekunden später, schnüffelt und läuft weiter, hat er ein gutes Nervenkostüm. Hechelt er zehn Minuten später immer noch und nimmt jeden weiteren Reiz doppelt heftig, steckt sein Körper im Alarmzustand. Hunde in diesem Zustand lernen kaum, egal wie klug sie sind.

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Was die Rasse über den einzelnen Hund verrät

Zum Schluss folgt der Dämpfer für alles, was ich hier aufgeschrieben habe, mich eingeschlossen.

Im Jahr 2022 erschien im Fachblatt Science eine Arbeit, für die 18.385 Hunde über ihre Halter erfasst und 2.155 Hunde genetisch sequenziert wurden. Das Ergebnis: Viele Verhaltensmerkmale sind erblich, die Rassezugehörigkeit erklärt aber nur etwa neun Prozent der Verhaltensunterschiede zwischen einzelnen Hunden.

Zieh daraus bitte keinen falschen Schluss, und zwar in keine Richtung. Die Rasse ist kein Zufallsgenerator, sie nennt dir eine Tendenz, und für die Vorauswahl bleibt diese Tendenz brauchbar. Ein Malinois ohne Aufgabe wird in einer Stadtwohnung zuverlässig zum Problem. Über den einen Hund allerdings, der dann tatsächlich vor dir sitzt, sagt die Rasse erstaunlich wenig.

Für deinen ersten Hund heißt das: Wähle über die Rasse vor und entscheide über das Einzeltier. Wer dir eine Rangliste als Garantie verkauft, verkauft dir eine Sicherheit, die in den Daten nicht steckt. Das gilt für die Liste von 1994 genauso wie für die Studien, die ich selbst gern zitiere.

Fazit: Dumme Hunderassen gibt es nicht

Die Antwort auf die Ausgangsfrage lautet nein. Dumme Hunderassen sind für Anfänger nicht die besseren Hunde, weil die Klugheit eines Hundes über den Alltag kaum entscheidet.

Der Kommentar hatte in einem Punkt trotzdem recht, und den nehme ich mit: Ein langsamerer Hund verzeiht dir mehr Anfängerfehler, weil er sie langsamer zur Gewohnheit macht. Dafür fragt er dich seltener von sich aus, und damit erarbeitest du dir jede Zusammenarbeit einzeln.

Der leichte Ersthund ist der kooperative mit ruhigem Nervenkostüm, völlig unabhängig davon, auf welchem Platz seine Rasse in irgendeiner Liste steht. Das Wichtigste an ihm bist am Ende ohnehin du.


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