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Australian Shepherd – die Wahrheit über den Modehund

Der Australian Shepherd ist überall. Im Stadtpark, auf Instagram, in der Hundeschule, beim Bäcker. Kaum eine Hunderasse hat in den letzten zehn Jahren in Deutschland einen vergleichbaren Aufstieg hingelegt. Und kaum eine Rasse landet aktuell so häufig in deutschen Tierheimen.

Wie passt das zusammen?

In diesem Beitrag schaue ich genau hin. Woher kommt der Australian Shepherd wirklich? Wofür wurde er gezüchtet? Welche Erziehungsfallen lauern, die kaum jemand auf dem Schirm hat? Und wie steht es um die Gesundheit der Rasse, über die in der Aussie-Community häufig sehr leise gesprochen wird?

Überlegst du dir einen Australian Shepherd zu holen oder hast du schon einen und dich fragst, warum dein Welpe nicht mehr stillsteht? Dann bist du hier genau richtig.

Disclaimer:
Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die in diesem Artikel verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.

Vorab in eigener Sache

Ich produziere gerade außerdem eine große Doku-Serie über Qual- bzw. Defektzuchten, weil wir uns bei extremen Körperformen leider oft Gesundheit „reinzüchten“, die keiner schönreden sollte. Willst du das nicht verpassen? Dann abonniere unbedingt den Newsletter oder meinen YouTube-Kanal. Wenn du als Halter oder Züchter deine Geschichte teilen möchtest, dann schreib mir gern eine E-Mail an info@dogstv.de .


Warum heißt der Australian Shepherd eigentlich Australian Shepherd?

Fangen wir mit dem größten Missverständnis der Hundewelt an. Der Australian Shepherd kommt nicht aus Australien. Punkt.

Diese Rasse ist eine durch und durch amerikanische Angelegenheit, entstanden im Westen der USA im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Den irreführenden Namen verdankt der Aussie einem Umweg über baskische Schäfer, die im 19. Jahrhundert mit ihren Hunden über Australien in die Vereinigten Staaten einwanderten. Die Merinoschafe, die sie mitbrachten, hießen im amerikanischen Sprachgebrauch „Australian Sheep“. Und die Hunde, die diese Schafe hüteten, wurden kurzerhand zu „Australian Shepherds“ umgelabelt.

Offiziell anerkannt wurde der Australian Shepherd übrigens vergleichsweise spät. Der amerikanische Zuchtverband ASCA wurde erst 1957 gegründet. Der erste Rassestandard stammt von 1977. Die FCI als großer internationaler Dachverband hat den Australian Shepherd erst 1996 anerkannt und 2007 endgültig in den Stammbaum aufgenommen. In Deutschland ist die Rasse seit Ende der 70er Jahre vertreten, der eigentliche Boom begann aber erst vor etwa 15 Jahren.

Übrigens: Die Native Americans hatten für den Australian Shepherd einen viel poetischeren Namen. Sie nannten ihn „Ghost-eyed Dog“, wegen der hellen, oft blauen Augen, die bei dieser Rasse häufig auftauchen.

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Was der Australian Shepherd im Kopf hat und warum das viele unterschätzen

Der Australian Shepherd ist ein Farmhund. Kein Familienhund im klassischen Sinne, kein Schoßhund, kein süßes Couch-Tier. Er wurde gezüchtet, um auf amerikanischen Ranches alles zu hüten, was sich bewegt: Schafe, Rinder, Pferde, Gänse, Enten. Dazu bewachte er den Hof, blieb selbstständig und war Fremden gegenüber eher skeptisch.

Was viele Aussie-Halter nicht verstehen: Auf einer Ranch hat dieser Hund nicht 24 Stunden am Tag gearbeitet. Er wurde geholt, wenn er gebraucht wurde, und kehrte danach in seinen Zwinger zurück. Lange Ruhephasen, kurze, intensive Action-Phasen. Genau das Gegenteil von dem, was die meisten deutschen Aussie-Halter heute mit ihrer Rasse veranstalten.

Heute findet man den Australian Shepherd auch bei Polizei, Zoll, Rettungshundestaffel sowie als Therapie- und Assistenzhund. Wenn man ihm gerecht wird, ist diese Rasse schwer zu schlagen. Sie ist intelligent, eng mit ihrem Menschen verbunden und hat einen ausgeprägten Arbeitswillen. Genau das aber wird der Rasse häufig zum Verhängnis.

Australian Shepherd bei der Arbeit
Lizenz: Envato.com – Australian Shepherds bei der Arbeit

Der Australian Shepherd als Modehund – die Schattenseite

Seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren ist der Australian Shepherd in Deutschland ein regelrechter Modehund. Ein Aussie-Welpe kostet bei einem seriösen Züchter zwischen 1.300 und 2.500 Euro. Bei unseriösen Vermehrern ist er oft nur halb so teuer, dafür mit gefälschten Papieren und ohne jegliche Gesundheitstests.

Genau dieser Boom hat die Tür für illegalen Welpenhandel weit aufgestoßen. Im Jahr 2020 wurden in Recklinghausen rund 70 Mini Australian Shepherds aus einem Reihenhaus befreit, in dem sie teilweise in Hundeboxen übereinandergestapelt gehalten wurden. Solche Fälle sind keine Ausnahme, sie sind die direkte Folge einer Nachfrage, die sich nicht für die Herkunft der Tiere interessiert.

Doch nicht nur Vermehrer-Welpen landen in Tierheimen. Auch aus völlig normalen deutschen Haushalten werden Aussies abgegeben. Der Grund: Halter sind überfordert. Sie haben sich diese Rasse geholt, weil sie hübsch aussieht, und festgestellt, dass dieser Hund mehr Arbeit ist als gedacht.


Die häufigsten Erziehungsprobleme beim Australian Shepherd

Wer sich einen Australian Shepherd holt, sollte fünf Erziehungsfallen kennen, in die sehr viele Halter tappen.

Mangelnde Ruhe

Ein normaler Hund schläft zwischen 16 und 20 Stunden am Tag. Ein Australian Shepherd würde das auch tun, wenn man ihn ließe. Stattdessen glauben viele Halter, sie müssten ihren Welpen permanent bespaßen — Agility mit drei Monaten, Hundesport mit sechs, dazwischen viel Reizüberflutung. Das Ergebnis ist ein Welpe, der nicht mehr runterkommt, unter Dauerstress steht und grobmotorisch wird. Der Australian Shepherd braucht aktiv beigebrachte Ruhephasen, nicht permanente Beschäftigung.

Inkonsequenz

Der Australian Shepherd ist hochintelligent. Er merkt sich jede Ausnahme, jede Schwäche, jedes „heute mal ausnahmsweise“. Wer bei dieser Rasse einmal nachgibt, hat das Thema für die nächsten Jahre auf dem Tisch. Daher gilt auch bei diesem Hund, wie für jede andere Rasse auch, bei Regeln und Erziehung konsequent zu sein.

Hütetrieb

Der Australian Shepherd wurde gezüchtet, um alles zu hüten, was sich bewegt und nicht dafür, das zu unterscheiden. Jogger, Radfahrer, spielende Kinder, andere Hunde, die Katze der Nachbarin werden zum potenziellen „Schaf“. Ohne frühzeitige und konsequente Erziehung kann dieser Trieb zum echten Alltagsproblem werden.

Skepsis gegenüber Fremden

Der Australian Shepherd ist kein Menschenfreund per Default. Er ist ein Hofhund und in den USA traditionell dafür zuständig, Fremde anzubellen. Ohne saubere Sozialisierung kann aus dieser Skepsis schnell territoriales Verhalten gegenüber Paketboten, Besuch oder Handwerkern werden.

Trennungsangst

Diese Rasse ist extrem menschenbezogen. Was zunächst schön klingt, wird zum Problem, wenn dem Hund nicht von Anfang an beigebracht wird, dass Alleinsein in Ordnung ist. Aussies, die das nicht gelernt haben, entwickeln häufig massive Trennungsangst.

Australian Shepherd und Qualzucht – das große, kontroverse Thema

Spätestens hier wird es unbequem. Der Australian Shepherd ist keine pauschale Qualzuchtrasse, aber er hat ein Qualzucht-Problem. Das klingt vielleicht widersprüchlich, ist es aber nicht. Lass uns das auseinandernehmen.

Merle x Merle- Verpaarung ist eindeutig verboten

Die Verpaarung von zwei Merle-Hunden ist in Deutschland gemäß Paragraph 11b des Tierschutzgesetzes Qualzucht und untersagt. Wenn zwei Merle-Träger miteinander verpaart werden, erben 25 Prozent der Welpen das Gen doppelt. Diese sogenannten Double Merles oder Weißtiger sind häufig überwiegend weiß, taub, blind, haben schwerwiegende Augendeformationen — die Veterinärmedizin spricht von Merle Ocular Dysgenesis. Ein Teil dieser Welpen stirbt bereits im Mutterleib oder muss kurz nach der Geburt eingeschläfert werden.

Konkret: Etwa 10 Prozent der reinerbigen Merle-Hunde sind einseitig taub, 15 Prozent beidseitig. In den USA, wo der Australian Shepherd herkommt, sind solche Verpaarungen teilweise bis heute erlaubt.

Ähnlich verhält es sich bei NBT x NBT Verpaarungen. NBT steht für Natural Bobtail — die angeborene Stummelrute. Beim Aussie sieht das süß aus, ist aber genetisch ein Defekt. Wenn zwei NBT-Hunde miteinander verpaart werden, sterben die reinerbigen Welpen bereits im Mutterleib. Die Würfe fallen kleiner aus. NBT x NBT ist in Deutschland Qualzucht und verboten, genauso wie Merle x Merle.

Die Debatte um heterozygote Merles

Hier wird es kontrovers. Auch einfache Merle-Hunde — also die heterozygoten Träger eines Merle-Allels — können je nach genauer Genvariante ein erhöhtes Risiko für Hör- und Sehschäden haben. Tierschutzorganisationen wie PETA argumentieren auf dieser Grundlage, dass jeder Merle-Aussie als Qualzucht zu werten sei.

Der Club für Australian Shepherd Deutschland, kurz CASD, widerspricht dem vehement und verweist darauf, dass mit verantwortungsvoller Zucht und obligatorischen Gentests gesunde Tiere möglich sind. Die wissenschaftliche Diskussion ist hier tatsächlich offen — beide Seiten haben Argumente.

Was aber unstrittig ist: Das Merle-Gen findet seinen Weg in immer mehr Rassen, in denen es nie etwas verloren hatte. Farbmöpse, Farbbullies, Merle-Chihuahuas, Merle-Dackel — der Aussie-Hype hat eine Welle ausgelöst, die jenseits der eigenen Rasse echtes Tierleid produziert.

Prof. Dr. Achim Gruber, Leitender Direktor der Tierpathologie an der FU Berlin, hat in einem Interview genauere Informationen zur Genetik erklärt. Das Interview findest du im Video (am Ende dieses Beitrags).

Erbkrankheiten beim Australian Shepherd – diese Tests sind Pflicht

Wer sich einen Australian Shepherd holt, sollte einige rassetypische Erbkrankheiten kennen. Hier die wichtigsten.

MDR1-Gendefekt

Etwa 30 Prozent aller Australian Shepherds tragen den MDR1-Gendefekt entweder als Anlageträger oder als selbst Betroffene. MDR1 steht für „Multi-Drug-Resistance“ und beschreibt eine Mutation, bei der die Blut-Hirn-Schranke nicht richtig funktioniert. Bestimmte Medikamente wie z.B. gängige Entwurmungsmittel, Narkosemittel oder Antibiotika gelangen direkt ins Gehirn und können tödlich enden. Ein Gentest ist günstig und sollte bei jedem seriösen Züchter Standard sein.

Hereditärer Katarakt (HSF4)

Rund 25 Prozent aller Australian Shepherds tragen die HSF4-Mutation, die für die erbliche Form des grauen Stars verantwortlich ist. Träger haben ein 17-fach erhöhtes Risiko, schon ab dem zweiten Lebensjahr an bilateralem Katarakt zu erkranken. Ein Gentest klärt den Status zuverlässig.

Degenerative Myelopathie (DM)

Etwa 17 Prozent aller Aussies tragen die SOD1-Mutation, die zu canine ALS führt — einer fortschreitenden, unheilbaren Erkrankung des Rückenmarks. Beginn meist um das achte Lebensjahr, Verlust der Bewegungsfähigkeit innerhalb weniger Jahre.

Idiopathische Epilepsie

Rund fünf Prozent aller Australian Shepherds entwickeln idiopathische Epilepsie — drei- bis fünffach mehr als der Hundedurchschnitt. Erste Anfälle treten meist zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr auf. Beim Aussie gibt es bisher keinen Gentest, das ist die Kombination aus „häufig“ und „nicht testbar“.

Weitere relevante Erbkrankheiten

Die Liste geht weiter mit Hüft- und Ellbogendysplasie, Autoimmunthyroiditis (häufigste Autoimmunerkrankung der Rasse), Collie Eye Anomaly (CEA) und Progressiver Retinaatrophie (PRA). Vor dem Kauf sollten die Elterntiere auf alle relevanten Erkrankungen getestet sein.

Australian Shepherd kaufen – diese Checkliste hilft beim Züchter-Gespräch

Wenn du ernsthaft überlegst, dir einen Australian Shepherd zu holen, frag den Züchter konkret und schriftlich nach folgenden Tests und Befunden:

  • MDR1-Gentest
  • HD- und ED-Röntgen der Elterntiere
  • HSF4-Test auf hereditären Katarakt
  • DM-Test (SOD1)
  • CEA- und PRA-Gentests
  • ECVO-Befund (augenärztliche Untersuchung)
  • Merle-Status und genetische Variante

Ein seriöser Züchter wird dir diese Ergebnisse von sich aus zeigen. Wenn jemand stottert, relativiert oder anfängt, von „Bauernhofzucht“ zu reden, dann dreh dich um und geh.

Für wen passt der Australian Shepherd und für wen nicht?

Der Australian Shepherd passt zu erfahrenen Hundehaltern. Zu Menschen, die konsequent sein können, Zeit haben, mit Hütehund-Mentalität umgehen können und Lust auf eine intensive Beziehung mit ihrem Hund haben. Zu Menschen, die wissen, dass ein guter Hund kein Statement-Accessoire ist.

Der Australian Shepherd passt nicht zu Menschen, die zehn Stunden am Tag aus dem Haus sind. Nicht zu Anfängern, die noch nie selbstständig einen Hund erzogen haben. Und definitiv nicht zu Menschen, die einen Hund holen, weil er auf Instagram gut aussieht.

Australian Shepherd aus dem Tierheim – die zweite Chance

Die deutschen Tierheime sind voll mit Aussies. In der Regel junge erwachsene Hunde zwischen einem und drei Jahren, also genau in dem Alter, in dem die ursprünglichen Halter gemerkt haben, dass sie diese Rasse unterschätzt haben.

Wenn du Erfahrung mit Hunden hast und einen Australian Shepherd suchst, schau zuerst im Tierheim. Du findest dort Hunde, die oft genau die Probleme mitbringen, die ich oben beschrieben habe und gerade deshalb auf erfahrene, geduldige Halter angewiesen sind.

Fazit – Australian Shepherd mit offenen Augen

Der Australian Shepherd ist eine faszinierende Rasse. Clever, schön, sportlich, loyal. Ein Hund, der seinen Menschen das Leben bereichern kann wie kaum ein anderer. Gleichzeitig ist er eine der am häufigsten falsch gehaltenen Rassen Deutschlands, ein Modehund mit genetischen Baustellen, den sich viel zu viele Menschen aus den falschen Gründen zulegen.

Wer sich für einen Australian Shepherd entscheidet, sollte das informiert tun. Mit dem Wissen über Erziehung, Gesundheit und Zucht und der Bereitschaft, seinem Hund über zwölf bis fünfzehn Jahre wirklich gerecht zu werden.

Augen auf vor dem Hundekauf, wie Dr. Achim Gruber sagt — Direktor des Instituts für Tierpathologie an der FU Berlin und einer der profiliertesten Stimmen, wenn es um Hundezucht in Deutschland geht.

FAQ – Häufige Fragen zum Australian Shepherd

https://youtu.be/2AULqIvLmt0


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