Inhalt
- 1 Was ist ein reaktiver Hund überhaupt?
- 2 Vier Antriebe hinter demselben Bellen
- 3 So ist die Liste entstanden
- 4 Die 7 Rassen und ihr Gegencheck
- 4.1 Platz 7: Shetland Sheepdog, der Scheue
- 4.2 Platz 6: Border Collie, der Bewegungsjäger
- 4.3 Platz 5: Zwergpinscher, der Nervöse
- 4.4 Platz 4: Chihuahua, der Kleine mit der großen Klappe
- 4.5 Platz 3: Jack Russell Terrier, der Frustrierte
- 4.6 Platz 2: Malinois, der Hochgedrehte
- 4.7 Platz 1: Deutscher Schäferhund, der Wächter
- 5 Was ein reaktiver Hund mit deinem Alltag macht
- 6 Welcher Typ ist dein Hund?
- 7 Die Auflösung: Wie viel erklärt die Rasse wirklich?
- 8 Fazit: Was ein reaktiver Hund von dir braucht
- 9 Quellen
Ein reaktiver Hund ist gerade überall Thema, in Hundeschulen, in Facebookgruppen und auf Instagram, und gefühlt trägt inzwischen jeder zweite Hund dieses Etikett. Hinter dem Wort steckt meistens eine Szene, die du kennst: Dein Hund läuft entspannt an der Leine, ein anderer Hund biegt um die Ecke, und von einer Sekunde auf die nächste bricht vorne ein Vulkan aus Bellen und Vorspringen aus. Die Frage, die dich danach umtreibt, ist eine sehr ehrliche. Liegt es an deinem Hund, an seiner Rasse oder an dir? In diesem Beitrag schauen wir uns die sieben Rassen an, die in den großen Studien am häufigsten auffallen, und zwar mit einem Gegencheck, den du so selten liest: Was verlangt der offizielle Rassestandard vom Wesen dieser Hunde, und warum messen die Studien trotzdem etwas anderes?
Bevor es losgeht, ein Hinweis, der mir wichtig ist. Studien beschreiben den Durchschnitt von Tausenden Hunden einer Rasse. Über deinen einzelnen Hund sagen sie deshalb nur wenig. Herkunft, Aufzucht, Sozialisation, Training und Gesundheit formen jeden Hund mit, und wenn dein Hund anders tickt als seine Rasse im Schnitt, widerlegt das keine Studie. Er gehört dann zu den vielen Hunden, die vom Durchschnitt abweichen.
Was ist ein reaktiver Hund überhaupt?
Das Wort reaktiv hat eine ziemlich krumme Karriere hinter sich. Ursprünglich stammt es aus der Tiermedizin und meinte dort einen Hund, der auf ganz alltägliche Reize übertrieben heftig reagiert. Irgendwann ist der Begriff in die Hundeschulen gewandert und hat unterwegs seine Genauigkeit verloren. Eine britische Studie von 2024 hat Trainerinnen, Fachleute und Halter befragt und festgestellt, dass sich keine dieser Gruppen auf eine Definition einigen kann. Viele gaben sogar offen zu, dass sie reaktiv sagen, weil aggressiv so hart klingt.
Ordnung in dieses Durcheinander hat 2026 ein Team der Universität Lincoln gebracht. Die Forschenden haben zuerst gesammelt, wie Halter ihre Hunde beschreiben, daraus eine Arbeitsdefinition mit neun Verhaltensweisen gebaut und damit über 1.300 Hunde untersucht, die auf andere Hunde reagieren. Zu diesen neun Verhaltensweisen gehören Bellen, Knurren, Zähnefletschen und Vorspringen, außerdem Schnappen, Zwicken und Beißen, Fiepen und eine steife Haltung mit gesträubtem Fell und festem Blick.
Eine Zahl daraus wird vielen von euch guttun. Nur 24 Prozent dieser Hunde hatten jemals gebissen. Fast vier von fünf hatten dagegen schon einmal das Fell gesträubt, die Aufregung ist also echt und körperlich. Außerdem sortierten sich die Hunde in vier Gruppen. Die größte mit rund 40 Prozent macht viel Theater und sucht kaum Kontakt. Eine andere Gruppe ist vor allem frustriert, weil die Leine sie festhält, und diese Hunde sehen am dramatischsten aus, obwohl sie vergleichsweise selten zubeißen. Knapp ein Drittel eskaliert impulsiv, und eine kleine Gruppe von etwa zehn Prozent eskaliert schnell und zieht auch durch. Der lauteste Hund im Park ist also längst nicht automatisch der gefährlichste. Ein reaktiver Hund ist erst einmal ein aufgeregter Hund und noch lange kein beißender.
Vier Antriebe hinter demselben Bellen
Den wichtigsten Gedanken zu diesem Thema liefert eine kritische Übersichtsarbeit, die im Sommer 2026 im European Scientific Journal erschienen ist. Ihre Kernaussage: Unter dem Etikett reaktiv landen mindestens vier verschiedene Antriebe, die von außen gleich aussehen. Da ist der Hund, der Angst hat und Abstand will. Daneben steht der Hund, der unbedingt hin will und an der Leine verzweifelt. Bei einem dritten springt eine Jagdsequenz an, sobald sich etwas bewegt. Und schließlich gibt es den Hund, der das Ganze so oft geübt hat, dass es zur Routine geworden ist und schon losgeht, bevor der Auslöser richtig da ist.
Für dein Training ist das entscheidend, denn was du tust, unterscheidet sich je nach Antrieb komplett. Einem ängstlichen Hund hilfst du mit Abstand und damit, dass er lernt, wie harmlos der Auslöser ist. Ein frustrierter Hund braucht dagegen Impulskontrolle und einen anderen Umgang mit seinem Frust, und dazu passt mein Beitrag über Frustrationstoleranz und warum Hunde ausrasten. Beim jagenden Hund verpufft Angsttraining, hier musst du die Abfolge früh unterbrechen. Bei der eingeschliffenen Routine setzt du wiederum an dem an, was der Hund mit seinem Verhalten erreicht. Ein reaktiver Hund ist deshalb immer zuerst eine Frage nach dem Warum.
So ist die Liste entstanden
Es gibt keine Studie, die Reaktivität direkt Rasse für Rasse misst. Deshalb habe ich drei große Forschungslinien nebeneinandergelegt: die Budapester Studie mit 5.733 Hunden von deutschsprachigen Haltern, die Untersuchungen der Universität Helsinki mit über 13.000 finnischen Hunden und die amerikanischen Auswertungen rund um den Verhaltensforscher James Serpell. In die Liste kommt eine Rasse, die in mindestens zwei dieser Linien auffällt oder in einer sehr deutlich und dazu von weiteren Studien gestützt wird, und zwar bei Angst, Aggression, Hundeverträglichkeit, Gelassenheit oder Impulsivität.
Die Reihenfolge zeigt, wie dicht die Belege sind. Mit Gefährlichkeit hat die Platzierung nichts zu tun. Außerdem beruhen alle diese Studien auf Halterbefragungen. Das gilt als recht zuverlässig, bleibt unterm Strich aber die Sicht der Menschen am anderen Ende der Leine.
Die 7 Rassen und ihr Gegencheck
Platz 7: Shetland Sheepdog, der Scheue
Den Sheltie halten die meisten für das liebste Wesen der Welt. In Finnland gehörte er trotzdem zu den ängstlichsten Rassen der gesamten Untersuchung, vor allem gegenüber fremden Menschen und Hunden, und in einer Persönlichkeitsstudie von 2023 hatte er die höchsten Werte für Unsicherheit überhaupt. Auch amerikanische Halter beschreiben ihre Shelties eher als ängstlich und weniger als aggressiv.
Der FCI-Standard verlangt dagegen einen Hund, der wachsam, sanft, intelligent, kräftig und lebhaft ist, reserviert gegenüber Fremden und niemals nervös. Ein Teil der Erklärung steckt im Standard selbst. Wer reserviert gegenüber Fremden sein soll, geht ihnen eben aus dem Weg, und genau das zählt ein Fragebogen als Angst. Der kanadische Standard benennt die Gefahr sogar offen und wertet Schüchternheit als Fehler. Der andere Teil steckt in der Geschichte. Auf den Shetlandinseln gab es keine Wölfe, der kleine Hütehund musste also wachsam sein, wehrhaft dagegen nie. Später wurde er zum Collie in Miniatur umgebaut, mit eingekreuzten Collies, Inzucht und ab 1928 sogar dem Gesamteindruck des Langhaarcollies im Standard. Ist ein Sheltie ein reaktiver Hund, steckt deshalb meistens die Angst dahinter.
Platz 6: Border Collie, der Bewegungsjäger
In der finnischen Persönlichkeitsstudie landete der Border Collie bei der Hundeverträglichkeit auf dem allerletzten Platz. In Budapest lag er dagegen nur im unteren Mittelfeld, und in der amerikanischen Studie fiel er nicht besonders auf. Er steht trotzdem in der Liste, weil weitere Studien dasselbe Bild zeichnen: Border Collies aus Arbeitslinien waren impulsiver als Labradors, bei Showlinien war dieser Unterschied verschwunden, und Geräuschempfindlichkeit tritt bei ihnen familiär gehäuft auf.
Der Standard beschreibt ihn als zäh, arbeitsfreudig und sehr führig, weder nervös noch aggressiv. Gezüchtet wurde er allerdings jahrzehntelang ausschließlich nach seiner Arbeit an den Schafen. Seit 1906 trägt die International Sheep Dog Society Hunde über ihre Erfolge bei Hütewettbewerben ein, das Aussehen war egal. Gesucht war ein Hund, der weder aggressiv reagiert noch zum Jagen neigt. Wie er mit einem fremden Hund an der Leine klarkommt, wurde dabei nie geprüft. Hütehunde tragen einen Ausschnitt der Jagd in sich, also anvisieren, fixieren, anschleichen und hetzen, nur ohne das Zupacken am Ende. Klebt dein Border Collie am Zaun und nimmt jeden Jogger ins Visier, sucht sich meist diese Sequenz ein Ziel. Ein reaktiver Hund dieser Rasse braucht deshalb vor allem eine frühe Unterbrechung beim Fixieren und eine Aufgabe, bei der die Sequenz ein sinnvolles Ventil findet.
Platz 5: Zwergpinscher, der Nervöse
In Budapest gehört der Zwergpinscher zu den ungelassensten Hunden überhaupt, auf Platz 91 von 98, allerdings mit nur 25 Hunden. Finnland bestätigt das Bild, dort zählt er zu den drei Rassen mit der höchsten Unsicherheit. In der Fachliteratur wird ihm zudem eine erniedrigte Reizschwelle zugeschrieben.
Sein heutiger Standard verlangt einen lebhaften, temperamentvollen, selbstsicheren und ausgeglichenen Hund. Ein Blick zurück zeigt, wo es hakt. Vor 1900 wurden Zwerghunde auf dem Arm gerichtet, und gezählt haben vor allem Köpfchen und Kleinheit. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Zwergpinscher auf Ausstellungen oft die meistgemeldete Rasse, und 1923 standen fast 4.000 Hunde im Zuchtbuch, deren Qualität damals schon als deutlich gesunken galt. Im Standardbuch von 1926 heißt er keck, aufmerksam, klug und temperamentvoll, von ausgeglichen ist dort noch keine Rede. Beim verwandten Zwergschnauzer warnt dasselbe Buch sogar ausdrücklich davor, dass das Streben nach möglichster Kleinheit auch den Charakter verdirbt. Heute zeigt sich diese Nervosität als innere Unruhe, und wenn der kleine Kerl lernt, dass Bellen ihm Aufmerksamkeit bringt, mischt sich die Angst schnell mit der eingeschliffenen Routine. Ein reaktiver Hund dieser Größe braucht deshalb klare Abläufe und einen Alltag, in dem er weiß, was als Nächstes kommt.
Platz 4: Chihuahua, der Kleine mit der großen Klappe
Der Chihuahua taucht in allen drei Forschungslinien auf. In Finnland war er die Rasse mit der größten Angst vor anderen Hunden, bei fremden Menschen fiel er dort dagegen kaum auf. In Budapest liegt er bei der Gelassenheit auf Platz 90 und bei der Hundeverträglichkeit auf Platz 95 von 98, und in der amerikanischen Studie zeigte er überdurchschnittlich viel Aggression.
Jetzt kommt allerdings der Dreh. Als die finnischen Forschenden die Körpergröße herausrechneten, war der Chihuahua weniger aggressiv als die meisten anderen Rassen. Eine australische Studie mit fast 50 Rassen hat außerdem gezeigt, dass unerwünschtes Verhalten mit sinkender Körpergröße zunimmt, und eine Wiener Studie fand, dass Halter kleiner Hunde weniger konsequent mit ihnen umgehen und seltener mit ihnen üben. Der Standard nennt ihn übrigens flink, wachsam, lebhaft und sehr mutig, und das bei anderthalb bis drei Kilo. Für so einen Hund ist jeder Labrador ein Lastwagen, also hält er die Großen mit Drohbellen auf Abstand, bevor es eng wird. So wird aus einem mutigen Zwerg schnell ein reaktiver Hund. Wie klein er heute ist, hat der Mensch entschieden, durch gezielte Auslese auf extremen Zwergwuchs. Was diese Verzwergung gesundheitlich anrichtet, habe ich im Beitrag zur Chihuahua-Qualzucht ausführlich beschrieben. Für dein Training heißt das: Abstand und Geduld helfen ihm, Hochreißen und dem anderen Hund vor die Nase halten dagegen auf keinen Fall.
Platz 3: Jack Russell Terrier, der Frustrierte
Mit über 300 Hunden in der Budapester Studie sind seine Werte gut belegt: Platz 82 bei der Gelassenheit, Platz 85 bei der Hundeverträglichkeit. In der amerikanischen Studie zeigten mehr als 20 Prozent der Jack Russells ernsthafte Aggression gegenüber fremden Hunden, und seine hochbeinigen Verwandten vom Parson-Typ hatten in Finnland die meiste Energie aller Rassen.
Im Standard steht ein lebhafter, wachsamer und aktiver Terrier, kühn und furchtlos, freundlich, aber ruhig selbstbewusst. Kühn und furchtlos war genau der Job. Reverend John Russell kaufte 1818 seine Stammhündin Trump und züchtete ausschließlich auf Jagdleistung. Seine Terrier mussten den Fuchs aus dem Bau sprengen, und dafür braucht es einen Hund, der einem Konflikt nicht ausweicht. Bis zur endgültigen Anerkennung durch die FCI im Jahr 2003 wurde außerdem munter gemischt, vom Dackel bis zum Corgi. Dieselbe Furchtlosigkeit trifft heute an der Leine auf den Nachbarshund, und wenn er nicht hin darf, kocht in ihm ein Gemisch aus Jagdlust und Frust hoch. Als reaktiver Hund ist er für mich der Prototyp des frustrierten Leinenpöblers. Ihm helfen Impulskontrolle in kleinen Schritten und eine Auslastung, bei der er Kopf und Nase wirklich anstrengen darf.
Platz 2: Malinois, der Hochgedrehte
In der Budapester Studie hat der Malinois einen der niedrigsten Werte für Gelassenheit, Platz 89 von 98, und bei der Hundeverträglichkeit Platz 91, allerdings mit nur 66 Hunden. In Finnland hatten die Belgischen Schäferhunde die höchste Energie aller Rassengruppen, wurden dort aber deutlich verträglicher eingeschätzt. Eine kleine Halterbefragung fand beim Malinois mehr Revierverteidigung als bei seinen drei Geschwistern.
Spannend ist hier der Standard. Er beschreibt einen wachsamen Hund von übersprudelnder Lebhaftigkeit, der stets aktionsbereit ist und seinen Herrn ohne jegliches Zögern hartnäckig und leidenschaftlich verteidigt. Gleichzeitig soll er weder Angst noch Aggressivität kennen. Diese Mischung ist gewollt, und die Züchter rund um Mechelen wollten von Anfang an einen tüchtigen Gebrauchshund, das Aussehen war zweitrangig. Bis heute wird überwiegend auf Leistung gezüchtet, und dieser Hochleistungssportler landet immer öfter im Familienalltag. Er braucht 16 bis 18 Stunden Ruhe am Tag, eine klare Grenze zwischen Arbeit und Feierabend und vor allem Training, das ihm beibringt herunterzufahren. Wenn du zwischen ihm und dem Deutschen Schäferhund schwankst, hilft dir mein ehrlicher Vergleich von Malinois und Deutschem Schäferhund.
Platz 1: Deutscher Schäferhund, der Wächter
Bei keiner anderen Rasse sind sich die Daten so einig. In Budapest liegt der Deutsche Schäferhund bei der Hundeverträglichkeit auf Platz 92 von 98, und das mit über 400 Hunden. In Finnland landet er ebenfalls fast ganz unten und taucht in der Aggressionsstudie und in der Studie zur Hyperaktivität weit oben auf. Damit hat dieser Befund zwei Länder und vierzehn Jahre Abstand überstanden. Gleichzeitig ist er wenig ängstlich und bellt vergleichsweise wenig, was er zeigt, ist Aggression gegenüber fremden Hunden und Menschen und ausgeprägtes Revierverhalten.
Der Standard verlangt einen Hund, der ausgeglichen, nervenfest, selbstsicher, absolut unbefangen und außerhalb einer Reizlage gutartig ist. Lies das ruhig zweimal, denn in der Reizlage soll er reagieren, als Wach-, Schutz- und Diensthund. Das war von Anfang an so: Im Standardbuch von 1926 steht er unter den Diensthunden, mit dem Satz, dass die Zucht auf Gebrauch im Vordergrund steht. Das Verhalten gegenüber anderen Hunden hat dagegen kein Standard je geregelt. Zugleich sind Schärfe und Schutztrieb nur zu etwa 9 bis 14 Prozent erblich, der Mensch am anderen Ende der Leine hat also viel in der Hand. Wer diesen Hund wie einen Angsthund trainiert, verfehlt oft das Thema, denn er braucht jemanden, der vorausschauend managt und ihm die Entscheidung abnimmt, wer hier wen verteidigen muss.
Was ein reaktiver Hund mit deinem Alltag macht
Ein Forschungsteam in England hat Halterinnen und Halter reaktiver Hunde gebeten, ihren Alltag zu beschreiben. Die Antworten klingen, als hätte jemand in eure Hundegruppen geschaut. Viele gehen um halb sechs morgens raus oder spät abends, wenn keiner unterwegs ist. Andere meiden Parks, mieten eingezäunte Wiesen und scannen beim Spaziergang ständig den Horizont. Das größte Problem waren freilaufende Hunde, deren Menschen von weitem rufen, der ist doch freundlich.
Wie schwer das wiegt, zeigt eine amerikanische Studie mit über 300 Menschen, die mit ihrem Hund in einer tierärztlichen Verhaltenssprechstunde waren. Fast 70 Prozent trugen eine Belastung, die klinisch relevant ist, und damit mehr als Menschen, die einen chronisch kranken Hund versorgen. Wenn dein reaktiver Hund dich manchmal ans Limit bringt, bist du also kein Einzelfall und auch keine schlechte Halterin. Und an alle mit einem entspannten Hund: Kommt dir jemand mit einem bellenden Hund an der Leine entgegen, nimm deinen Hund ran und gib Platz. Praktische Tipps dazu findest du in meinem Beitrag über Hundebegegnungen an der Leine.
Welcher Typ ist dein Hund?
Gilt dein Hund als reaktiver Hund, besteht der erste Schritt immer darin herauszufinden, welcher Antrieb hinter dem Verhalten steckt. Dafür lohnt es sich, genau hinzuschauen, am besten mit Handyvideo. Weicht dein Hund aus, macht sich klein oder geht nach dem Ausbruch sofort auf Abstand, spricht das für Angst. Zieht er dagegen nach vorne und kippt die Spannung, sobald er Kontakt haben darf, deutet das auf Frust. Wird er ganz still, fixiert, schleicht und startet erst, wenn sich etwas bewegt, bist du bei der Jagdsequenz. Läuft der Ablauf jedes Mal gleich und geht immer früher los, schon an der Ecke, an der neulich der Nachbarshund stand, hat sich eine Routine eingeschliffen.
Zwei Befunde aus der Lincoln-Studie solltest du außerdem kennen. Hunde, die neben anderen Hunden auch auf Menschen, Geräusche oder Fahrzeuge reagieren, landeten häufiger in den Gruppen mit hohem Risiko. Hunde, die auf Kinder reagierten, fanden sich sogar fast doppelt so oft in der gefährlichsten Gruppe. Trifft das auf deinen Hund zu, hol dir bitte Hilfe bei einer Verhaltenstierärztin oder einem qualifizierten Trainer, und lass in jedem Fall abklären, ob Schmerzen im Spiel sind.
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2022 hat ein Forschungsteam in der Fachzeitschrift Science eine der größten Studien zu Hundeverhalten und Genetik veröffentlicht, mit über 18.000 erfassten Hunden, von denen mehr als 2.000 genetisch untersucht wurden. Das Ergebnis: Die Rasse erklärt nur rund neun Prozent der Verhaltensunterschiede zwischen einzelnen Hunden. Gerade bei dem Merkmal, das dem Begriff reaktiv am nächsten kommt, also wie leicht ein Hund durch etwas Beängstigendes oder Unangenehmes provoziert wird, sagt die Rasse kaum etwas aus. Sogar das Alter verriet mehr über das Verhalten als die Rasse.
Heißt das, die Liste ist wertlos? Keineswegs, denn Rassen verschieben die Chancen, das zeigen die großen Studien deutlich. Über deinen einzelnen Hund entscheidet die Rasse aber nur zu einem kleinen Teil, und genau so erklärt sich auch der Gegencheck. Ein Rassestandard beschreibt ein Zuchtziel. Was am Ende auf deinem Sofa liegt, haben über hundert Jahre Zucht nach Größe, Aussehen oder Leistung mitgeformt, und danach dein Alltag.
Was entscheidet stattdessen? In der Lincoln-Studie hingen Geschlecht, Kastration, Alter und Körpergröße nicht mit der Risikogruppe zusammen. Vorhersagen ließ sich das Risiko vielmehr über Herkunft und Aufzucht: Hunde vom Züchter, die von Welpenbeinen an in einer Familie aufgewachsen sind, landeten deutlich seltener in den gefährlichen Gruppen. Die finnischen Daten zeigen dasselbe Muster. Den engsten Zusammenhang mit Angst vor Hunden und Menschen hatte die Sozialisation zwischen der siebten und sechzehnten Lebenswoche, dazu kamen das Leben in der Stadt und wenig gemeinsame Beschäftigung. Bei der Aggression war Angst der wichtigste Faktor, und Hunde waren häufiger aggressiv, wenn sie der erste Hund ihrer Menschen waren. Am Ende hat also meistens der Hund das höchste Risiko, der einen schlechten Start hatte, ganz egal, welche Rasse in seinen Papieren steht. Ob aus einem Welpen ein reaktiver Hund wird, entscheidet sich zu einem großen Teil in den ersten Lebenswochen und im Alltag danach.
Fazit: Was ein reaktiver Hund von dir braucht
Sieben Rassen zeigen sieben Arten, an der Leine hochzugehen. Der Schäferhund verteidigt, der Malinois dreht hoch, der Jack Russell platzt vor Frust, und der Chihuahua hält sich die Großen vom Leib. Der Zwergpinscher steht unter Strom, der Border Collie nimmt alles ins Visier, was sich bewegt, und der Sheltie will vor allem Abstand. Ein reaktiver Hund braucht deshalb zuerst einen Menschen, der hinschaut, statt pauschal zu trainieren.
Wenn du dir eine dieser Rassen holen willst, kommt es auf eine Herkunft an, bei der die Welpen im Haus aufwachsen, auf gute Sozialisation in den ersten Wochen und auf einen Alltag, der zum Hund passt. Lies außerdem den Rassestandard deiner Wunschrasse selbst, mit der Frage im Kopf, wofür dieser Hund ursprünglich gezüchtet wurde. Welche Rassen wirklich zu deinem Leben passen, findest du im kostenlosen Rassecheck heraus.
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Zum Hundeführerschein-LaborQuellen
- Barata R (2026): „Reactivity“ in Dogs: A Critical Review of a Spreading Label and a Proposed Ethological Reconstruction. European Scientific Journal 22(21). doi.org/10.19044/esj.2026.v22n21p1
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- Fadel FR et al. (2016): Differences in trait impulsivity indicate diversification of dog breeds into working and show lines. Scientific Reports 6. doi.org/10.1038/srep22162
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- Kuntz K et al. (2023): Assessment of caregiver burden in owners of dogs with behavioral problems. Journal of Veterinary Behavior. doi.org/10.1016/j.jveb.2023.05.006
- FCI-Rassestandards Nr. 15 Belgischer Schäferhund, Nr. 88 Shetland Sheepdog, Nr. 166 Deutscher Schäferhund, Nr. 185 Zwergpinscher, Nr. 218 Chihuahua, Nr. 297 Border Collie, Nr. 345 Jack Russell Terrier: fci.be
- Canadian Kennel Club: Breed Standard Shetland Sheepdog. ckc.ca
- Räber H: Enzyklopädie der Rassehunde, Band 1 und 2. Buch, kein Link verfügbar.
- Bazille: Die Kennzeichen unserer Rassehunde (1926). Buch, kein Link verfügbar.
- Gansloßer U et al.: Hunderassen. Buch, kein Link verfügbar.

