ausgestorbene Hunderassen

Ausgestorbene Hunderassen: Diese Hunde gibt es nicht mehr

Ausgestorbene Hunderassen klingen erst mal nach einem Thema für Geschichtsbücher. Dabei sind das echte Hunde gewesen, mit nassen Nasen und einem eigenen Namen. Sie haben für Menschen gearbeitet, neben Kindern geschlafen und waren über Generationen ein fester Teil vom Leben ihrer Familien. Und heute ist von manchen nicht mehr übrig als ein altes Gemälde oder ein einziges Fell in einer Museumsvitrine.

In diesem Artikel schaue ich mit dir auf zehn ausgestorbene Hunderassen. Du erfährst, wofür jede Rasse mal da war, was sie besonders gemacht hat und warum es sie heute nicht mehr gibt. Und durch alle Geschichten zieht sich eine unbequeme Wahrheit: Eine Hunderasse ist kein Naturgesetz. Sie ist eine Entscheidung von Menschen. Solange ein Hund nützlich ist oder gut aussieht, wird er gezüchtet. Fällt der Zweck weg, fällt oft auch der Hund weg.

Disclaimer:
Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die in diesem Artikel verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.

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Was ausgestorbene Hunderassen über uns Menschen verraten

Anders als bei Wildtieren stirbt eine Hunderasse selten durch die Natur aus. Bei Hunden entscheiden fast immer wir. Eine Rasse verschwindet, weil ihre Aufgabe wegfällt, weil eine andere Mode angesagter ist, weil ein Verbot ihren Einsatz beendet oder weil ihre Menschen vertrieben und ihre Kultur zerstört werden.

Dazu kommt ein zweiter Punkt, der gern übersehen wird. Viele dieser Hunde sind nicht spurlos verschwunden, sondern in anderen Rassen aufgegangen. Sie wurden eingekreuzt, umgeformt und unter einem neuen Namen weitergezüchtet. Wenn du also die Vorfahren deines eigenen Hundes zurückverfolgst, stößt du erstaunlich oft auf eine Rasse, die es heute nicht mehr gibt. Genau das macht ausgestorbene Hunderassen so spannend. Sie erzählen die Geschichte unserer Beziehung zum Hund, und sie sind ein Spiegel dafür, wie wir mit Tieren umgehen, wenn wir den Zweck über das Wohl stellen.

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Ausgestorbene Hunderassen, die in deinem Hund weiterleben

Fangen wir mit den Rassen an, die dir näher sind, als du denkst. Wenn du einen Boxer hast, sitzt in seinem Stammbaum der Bullenbeißer. Das war ein deutscher Jagdhund an den Fürstenhöfen, der Großwild wie Wildschwein und Bär packte und festhielt, bis der Jäger kam. Seine kurze Nase war ein Funktionsmerkmal, damit er beim Zubeißen noch Luft bekam. Als die großen Adelsjagden zurückgingen und Feuerwaffen die Arbeit übernahmen, verlor er seine Aufgabe. Deutsche Züchter kreuzten ab Mitte des 19. Jahrhunderts die englische Bulldogge ein, und 1895 entstand in München der erste Boxer-Klub. Der Bullenbeißer als eigene Rasse war damit verschwunden.

Hast du einen Labrador, dann triffst du auf den St. John’s Water Dog aus Neufundland. Dieser Hund holte Fische aus dem Wasser, apportierte Vögel und passte auf die Kinder auf. Aus ihm sind fast alle Retriever entstanden, die wir heute lieben. Hohe Hundesteuern, strenge britische Einfuhrregeln und der Niedergang der kleinen Fischerorte besiegelten sein Ende. Die letzten beiden bekannten Tiere lebten im Ort Grand Bruit, beide männlich, und sie starben Anfang der 1980er Jahre an Altersschwäche.

Auch der Golden Retriever hat einen verschwundenen Vorfahren, genau genommen sogar zwei. Lord Tweedmouth verpaarte 1868 auf seinem schottischen Gut Guisachan den gelben Wavy Coated Retriever Nous mit der Tweed-Water-Spaniel-Hündin Belle. Die vier gelben Welpinnen aus diesem Wurf gelten als Gründerinnen aller Golden Retriever. Der Tweed Water Spaniel selbst wurde eingekreuzt, blieb klein in der Zahl und war gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorben.

ausgestorbene Hunderassen
Von Ludwig Beckmann – Ludwig Beckmann, Geschichte und Beschreibung der Rassen des Hundes., Bd 2, 1895, S. 5, Gemeinfrei

Wenn der Job verschwindet: der Bratspießhund

Kaum eine Rasse zeigt so deutlich, wie eng das Schicksal eines Hundes an seinen Nutzen geknüpft war, wie der Bratspießhund, auf Englisch Turnspit Dog. In den Küchen Großbritanniens musste der Bratspieß über dem Feuer ständig gedreht werden. Statt das von Hand zu machen, setzte man einen kurzbeinigen Hund in ein Rad an der Wand. Lief der Hund, drehte sich über eine Kette der Spieß. Für die Menschen war dieser Hund kaum mehr als ein Küchengerät aus Fleisch und Fell.

Als mechanische Drehvorrichtungen billiger wurden, war der Hund überflüssig. Einen Bratspießhund zu halten galt nun als Zeichen von Armut, und niemand wollte ihn mehr als Haustier. Um 1750 gab es ihn überall, um 1900 war er verschwunden. Anders als der St. John’s Water Dog lebt er in keiner heutigen Rasse klar weiter, weil ihn als gewöhnlichen Küchenhund niemand dokumentierte. Manche sehen eine Verwandtschaft zum Welsh Corgi, andere einen Vorläufer des Glen of Imaal Terrier. Belegt ist beides nicht. Geblieben ist ein ausgestopftes Exemplar namens Whiskey in einem Museum in Wales.

Von Henry Wigstead – Henry Wigstead (1799) Remarks on a Tour to North and South Wales: in the year 1797, No, 40 Charing Cross, London: W. Wigstead (publisher), S. 52–53, Gemeinfrei,

Von Menschen ausgelöscht: indigene Hunde, die wir verloren haben

Manche ausgestorbene Hunderassen verschwanden nicht wegen einer Mode, sondern weil man den Menschen, die mit ihnen lebten, ihre ganze Welt nahm.

Salish Wollhund

Der Küsten-Salish an der Pazifikküste Nordamerikas war ein echter Wollhund. Ein kleiner, weißer Hund mit einem so dichten Fell, dass man ihn wie ein Schaf scheren konnte. Aus dieser Wolle webten die Salish kostbare Decken mit hohem zeremoniellem Wert. Über Tausende Jahre hielt man die Tiere getrennt, auf kleinen Inseln und in Gehegen, damit die Linie rein blieb. Eine genetische Untersuchung von 2023 zeigt, dass sich diese Linie vor rund 5.000 Jahren von anderen Hunden abspaltete. Mit der Kolonialisierung, mit eingeschleppten Krankheiten und mit einer Politik, die den Salish ihre Kultur verbot, verschwand auch der Hund. Heute gibt es weltweit nur ein erhaltenes Fell, von einem Hund namens Mutton, der 1859 starb und im Smithsonian liegt.

Hawaiian Poi Dog

Der Hawaiian Poi Dog kam mit den polynesischen Siedlern auf die Inseln und hatte zwei Aufgaben, die für uns heute schwer zusammenpassen. Er war spiritueller Beschützer der Kinder und zugleich Nahrung. Gemästet wurde er mit Poi, einer Paste aus der Taro-Wurzel. Als die alten Glaubensvorstellungen zurückgingen und sich die Hunde der Siedler mit ihm vermischten, verschwand er Anfang des 20. Jahrhunderts.

Tahltan Bear Dog

Dieser Hund aus dem Nordwesten Kanadas war winzig, kaum größer als ein Fuchs, und wurde zur Bärenjagd eingesetzt. Die Tahltan trugen ihn in einem Sack, bis sie frische Spuren fanden, dann ließen sie ihn los. Leicht genug, um über die harte Schneekruste zu laufen, hielt er den Bären in Schach, bis die Jäger heran waren. Gewehre, eine Staupe-Welle und Epidemien unter seinen Menschen besiegelten sein Ende.


Gezüchtet bis zur Selbstzerstörung: der Cordoba-Kampfhund

Der Cordoba-Kampfhund aus Argentinien ist das deutlichste Beispiel dafür, wohin eine extreme Zuchtidee führt. Er wurde aus alten Doggen- und Mastiff-Typen für den Hundekampf gezüchtet, allein auf Aggression und Schmerztoleranz. Das wurde ihm zum Verhängnis. Diese Hunde waren so kompromisslos auf Kampf gezüchtet, dass Rüde und Hündin sich lieber gegenseitig angriffen, als sich zu paaren. Dazu starben unzählige Tiere in den Kampfgruben. Eine Rasse, die ihre eigene Fortpflanzung sabotierte.

In den 1920er Jahren kreuzten die Brüder Nores Martínez ruhigere Rassen ein, um einen verträglicheren Jagdhund zu schaffen. Daraus wurde der Dogo Argentino. Als Hundekämpfe in Argentinien 1954 verboten wurden, war der Cordoba endgültig verschwunden. Die Lehre daraus ist hochaktuell. Wer einen Hund nur auf eine einzige extreme Eigenschaft züchtet, baut ihm einen Defekt ein, der ihn am Ende zerstört.

Schönheit, die krank macht: Harlekinpinscher und Old English Bulldog

Zwei ausgestorbene Hunderassen führen direkt zu dem Thema, das mich auf diesem Kanal am meisten beschäftigt, der Zucht auf ein Aussehen, das den Hund krank macht.

Harlekinpinscher

Der Harlekinpinscher, auch Karlsbader Pinscher genannt, entstand um 1880 als gefleckter Schlag des Zwergpinschers. Seine auffällige Scheckung kommt vom Merle-Gen. Merle sieht besonders aus, bringt bei der falschen Verpaarung aber eine Reihe schwerer Defekte mit, von Taubheit bis zu Augenfehlern. Genau das wurde dem Harlekinpinscher zum Verhängnis. Um die Scheckung sicher zu bekommen, verpaarte man Merle mit Merle, ohne den genetischen Grund dahinter zu verstehen, und nahm kranke und tote Welpen in Kauf. Der Pinscher-Schnauzer-Klub lehnte die Rasse wegen ihrer Anfälligkeit ab. Um 1930 waren die Zuchtlinien erloschen. Heute baut eine US-amerikanische Szene den Hund unter Einkreuzung des Prager Rattlers wieder auf, in Merle und weiteren Mustern, ohne Anerkennung durch VDH oder Pinscher-Schnauzer-Klub.

Old English Bulldog

Die Old English Bulldog wiederum wurde für die Bullenhatz gezüchtet, ein tiefer, kräftiger Hund mit enormer Beißkraft. Als England 1835 mit dem Cruelty to Animals Act die Bullenhatz verbot, verlor sie ihren Zweck. Statt sie aussterben zu lassen, behielt man den Namen Bulldogge und züchtete weiter auf ein neues Ziel, das Aussehen. Die alte, athletische Bulldogge ist ausgestorben. Was wir heute Englische Bulldogge nennen, ist eine im 19. Jahrhundert nachgebaute Version mit platter Nase und Falten, die mit Atemnot und kaputten Gelenken kämpft. Wie ernst die Lage ist, sieht man an Norwegen. Dort wurde die Zucht zeitweise gerichtlich gestoppt, bis das oberste Gericht 2023 entschied, dass Englische Bulldoggen nur noch unter strengen Gesundheitsauflagen gezüchtet werden dürfen.

Ausgestorbene Hunderassen? Die häufigsten Gründe

Wenn du dir die Geschichten zusammen anschaust, erkennst du ein Muster. Ausgestorbene Hunderassen verschwinden fast immer aus einem dieser Gründe.

Der erste Grund ist der verlorene Job. Fällt die Aufgabe weg, für die ein Hund gezüchtet wurde, sinkt die Nachfrage. So ist es dem Bullenbeißer und dem Bratspießhund ergangen. Der zweite Grund ist die Mode. Ein neuer Look oder eine neue Lieblingsrasse verdrängt die alte. Der dritte Grund ist ein Verbot, das einen Einsatzzweck beendet, so wie das Verbot der Bullenhatz oder der Hundekämpfe. Der vierte Grund ist die Zerstörung einer ganzen Lebenswelt, wie bei den indigenen Hunden, die mit der Kolonialisierung verschwanden.

Dazu kommt ein leiser, technischer Grund, der mit der heutigen Qualzucht-Debatte zusammenhängt. Viele Rassen wurden aus sehr wenigen Tieren aufgebaut und über geschlossene Zuchtbücher rein gehalten. Das verarmt den Genpool und macht eine Rasse anfällig. Wird dann noch auf ein riskantes Merkmal wie eine extreme Farbe oder eine besonders kurze Nase selektiert, schaufelt sich eine Rasse ihr eigenes Grab. Der Harlekinpinscher ist das historische Beispiel dafür.

Was wir aus ausgestorbene Hunderassen lernen können

Keiner dieser Hunde hat selbst entschieden, zu verschwinden. Das haben immer wir entschieden. Mal, weil ihr Job wegfiel, mal, weil uns ihr Aussehen wichtiger war als ihre Gesundheit. Und genau das ist der Punkt, der ausgestorbene Hunderassen zu mehr macht als einer netten Geschichtsstunde.

Eine Hunderasse ist eine Entscheidung von Menschen, und das gilt auch für jede Rasse, die heute lebt. Auch für die, die wir gerade in Richtung Krankheit züchten. Die kurze Nase, die ein Hund nicht braucht. Die extreme Farbe, die wir schön finden. Das Faltengesicht, das auf Ausstellungen Punkte bringt. Wir entscheiden, welche Hunde es in fünfzig Jahren noch gibt, und in welchem Zustand. Wenn die verschwundenen Hunde eine Botschaft haben, dann diese: Schau genau hin, bevor du dich in ein Aussehen verliebst, und frag dich, was der Hund hinter der Optik davon hat.

Die ganzen Geschichten, mit Bildern und allen Details, erzähle ich dir im Video. [Hier geht’s zum kompletten Video auf YouTube]

Mehr zum Thema findest du in meinen anderen Beiträgen, etwa zu den Folgen extremer Zuchtziele: Französische Bulldogge / Qualzucht und zum Merle-Faktor

FAQ – Häufige Fragen zu ausgestorbenen Hunderassen

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