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Dobermann: Völlig unterschätzte Hunderasse?

Es gibt zwei Arten von diesen Hunden, die Dobermann heißen. Der eine ist der, vor dem Menschen auf dem Gehweg die Straßenseite wechseln, der Hund aus den Resident-Evil-Filmen oder der Standard-Bösewicht auf vier Beinen. Der andere liegt zu Hause auf dem Sofa, folgt seinem Menschen bis vor die Dusche und mault beleidigt, wenn er nicht gestreichelt wird. Beide sind echt und genau dieser Spagat macht den Dobermann zu einer der missverstandensten Hunderassen überhaupt.

In diesem Rasseporträt schauen wir den Dobermann ehrlich an. Woher er kommt, wie sein Charakter wirklich tickt, wo es in der Erziehung kracht und was gesundheitlich auf dem Spiel steht, vom Herzen bis zur Lebenserwartung. Am Ende weißt du, ob diese Rasse zu deinem Leben passt, oder eben nicht.

Disclaimer:
Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die in diesem Artikel verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.

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Dobermann: die Herkunft aus Apolda

Die Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert in Apolda, einem kleinen Städtchen in Thüringen. Dort lebt ein Mann mit gleich mehreren Jobs: Karl Friedrich Louis Dobermann ist Steuereintreiber, Abdecker, Nachtwächter und städtischer Hundefänger. Sein Auftrag lautet, streunende Hunde einzusammeln. Wer nicht abgeholt wird, wird getötet.

Dobermann hat damit freie Auswahl an Hunden, und er nutzt sie. Die mutigsten und wachsamsten Tiere tötet er nicht. Er behält sie für die Zucht. Der Grund ist handfest: Er ist nachts mit fremdem Geld unterwegs und braucht einen Hund, der ihn schützt und der schon durch sein Auftreten abschreckt.

Welche Rassen genau im ersten Dobermann stecken, weiß bis heute niemand sicher, weil Dobermann keine Zuchtbücher führte. Überliefert ist seine mausgraue Mischlingshündin Schnuppe, die er mit einem sogenannten Fleischerhund verpaarte, einem Vorläufer des heutigen Rottweilers. Über die Jahre kamen ein schwarz-roter Hütehund-Typ dazu, der alte deutsche Pinscher, kurzhaarige Jagdhunde und am Ende ein Greyhound, der dem Dobermann seine schlanke, elegante Linie gab. Nach Dobermanns Tod übernahm sein Freund Otto Göller die Zucht, gründete 1899 in Apolda den ersten Klub und prägte das Bild, das wir heute kennen. 1955 erkannte der internationale Dachverband FCI den Dobermann offiziell an, als Rasse Nummer 143.

Das Wichtige an dieser Geschichte: Der Dobermann ist kein Zufallsprodukt und kein Modehund. Er wurde gebaut, als Schutz- und Diensthund, der mutig ist, wachsam und der zur Not auch zupackt. Diesen Auftrag trägt der Dobermann bis heute in seinen Genen, auch wenn er gerade auf dem Sofa schnarcht.

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Charakter und Wesen: so tickt der Dobermann wirklich

Seine Gene spürst du, wenn du mit einem Dobermann lebst. Er ist ein Arbeitstier mit einem feinen Draht zu seinem Menschen. Im offiziellen Rassestandard klingt sein Wesen überraschend sanft. Gefordert wird ein Hund mit freundlich friedlicher Grundstimmung, in der Familie sehr anhänglich, mit mittlerem Temperament und mittlerer Schärfe. Mut und Härte stehen ausdrücklich mit im Standard, denn das gehört zum Dobermann dazu.

Der Dobermann gilt als eine der klügsten Hunderassen überhaupt. In der bekannten Intelligenz-Rangliste des Psychologen Stanley Coren steht er auf Platz fünf. Eine Einordnung gehört dazu: Diese Liste misst vor allem, wie schnell ein Hund Kommandos lernt und ausführt, nicht seine Eigenständigkeit. Für dich im Alltag heißt das, dass der Dobermann blitzschnell lernt, auch Quatsch. Es gibt Halter, deren Hund sich selbst beigebracht hat, die Küchenschubladen zu öffnen.

Was viele unterschätzen, ist die Anhänglichkeit. Der Dobermann ist ein Schattenhund. Er will dabei sein, am liebsten mit Körperkontakt und bindet sich oft besonders eng an eine einzige Bezugsperson. Fremden gegenüber ist er erst einmal reserviert und schaut genau hin. Bei guter Erziehung lernt der Dobermann, zwischen normalen und verdächtigen Situationen zu unterscheiden.

Und es gibt nicht den einen Dobermann. Über die Jahrzehnte hat sich die Rasse in zwei Linien geteilt, die Schönheitszucht für die Ausstellung und die Leistungszucht für Hundesport und Schutzdienst. Ein Dobermann aus einer echten Leistungslinie hat einen ganz anderen Motor als einer, der auf Optik gezogen wurde. Wer sich allein in die Augen verliebt, übersieht das gern.

Dobermann
Dobermann I Lizenz: Envato von fxquadro

Dobermann und Erziehung: wo es im Alltag kracht

Bei der Erziehung entscheidet sich beim Dobermann fast alles. Der erste Punkt, den du verstehen musst: Dieser Hund ist hochsensibel. Das passt für viele nicht zum martialischen Image, ist aber so. Auf harte Strafen, Anschreien oder grobes Zerren reagiert ein Dobermann mit Meideverhalten, mit Stress, am Ende sogar mit Aggression. Er spiegelt seinen Menschen. Bist du hektisch, wird er hektisch. Bleibst du ruhig und klar, wird er es auch. Was beim Dobermann wirkt, ist faire, ruhige Konsequenz.

Der zweite Punkt ist die Sozialisierung. Der Schutztrieb ist da, ob du ihn willst oder nicht. Ein Dobermann, der als Welpe und Junghund viele Menschen, Hunde, Geräusche und Orte in Ruhe kennenlernt, speichert ab, dass die Welt kein Feind ist. Wer diese Phase verschläft, hat später einen Hund, der alles Fremde erst einmal als Bedrohung liest.

Der dritte Punkt überrascht fast alle, die noch nie einen Dobermann erzogen haben: die Pubertät. Der anhängliche Welpe wird mit etwa einem Jahr zum Teenager und auf einmal melden sich Wach- und Schutztrieb mit voller Wucht, dazu der Beutetrieb. Viele Halter denken in dieser Zeit, sie hätten alles falsch gemacht. Haben sie nicht. Der Dobermann wird gerade erwachsen und jetzt zeigt sich, was in ihm steckt.

Der vierte Punkt ist die Auslastung. Ein Dobermann braucht Körper und Kopf. Lange Spaziergänge allein reichen da nicht aus. Ohne Aufgabe und ohne Kopfarbeit sucht sich so ein Hund seinen eigenen Job, meistens einen, der dir nicht gefällt. Und weil der Dobermann so anhänglich ist, muss er früh üben, auch mal allein zu bleiben, sonst kippt die Nähe in Trennungsstress. Der häufigste Konflikt im Alltag sind die Hundebegegnungen. Was von außen wie pure Aggression aussieht, ist beim Dobermann oft etwas anderes, nämlich Frust. Der Hund will hin, darf aber nicht und weiß nicht wohin mit der Spannung.

Maulkorb und Vorurteil: ist der Dobermann ein Listenhund?

Genau an der Schnittstelle aus Schutztrieb, Kraft und Stress kommt ein Thema auf, über das zu wenig ehrlich geredet wird: der Maulkorb. Beim Dobermann sieht man ihn oft und bei vielen Menschen springt sofort die Angst an. Dabei ist ein Maulkorb erst einmal nur ein Werkzeug. Er sagt nichts über den Charakter eines Hundes. Er sagt etwas über den Menschen, der ihn führt, nämlich, dass dieser Mensch Verantwortung übernimmt, bevor etwas passiert. Ein Dobermann, der gelernt hat, dass der Maulkorb zum Alltag gehört, trägt ihn entspannt.

Bleibt das hartnäckigste Vorurteil: Ist der Dobermann gefährlich, ist er ein Listenhund? Die Antwort ist klarer, als viele denken. In ganz Deutschland ist der Dobermann kein Listenhund. In Brandenburg stand er bis 2024 auf der Liste 2 der widerlegbar gefährlichen Hunde. Was ein Tier gefährlich oder sicher macht, steht nicht auf einer Liste. Das entscheidet die Erziehung, jeden Tag aufs Neue.


Dobermann und Gesundheit: das Herz und DCM

Beim Dobermann fängt die Gesundheit beim Herzen an. Die Krankheit heißt dilatative Kardiomyopathie, kurz DCM. Der Herzmuskel wird dünn und schlaff, das Herz pumpt immer schlechter, und irgendwann versagt es.

Die Zahlen sind hart. Die Tierklinik der Uni München hat über Jahre hunderte Dobermänner begleitet. Über das ganze Hundeleben gerechnet erkranken rund 58 Prozent (Studie Wess et al.). Eine genetische Untersuchung von 2024 bestätigt für die europäische Population fast denselben Wert. Mehr als jeder zweite Dobermann ist betroffen.

Das Tückische an der DCM ist ihre stille Phase. Über Monate, oft Jahre, wirkt der Hund jung und topfit und trägt die Krankheit doch längst in sich. Mediziner nennen das die okkulte Phase. Zuerst zeigt sie sich als Herzrhythmusstörung, oft lange bevor das Herz schwächer pumpt. Manche Dobermänner fallen dann ohne jede Vorwarnung tot um, beim Spielen, beim Rennen. Andere entwickeln über Wochen eine schleichende Herzschwäche mit Husten, Erschöpfung und einem Bauch, der sich mit Wasser füllt.

Deshalb empfiehlt die europäische Kardiologen-Gesellschaft, jeden Dobermann ab dem dritten Lebensjahr einmal im Jahr untersuchen zu lassen, mit Herzultraschall und einem Langzeit-EKG über 24 Stunden. Wie ernst das ist, zeigt die Lebenserwartung. In einer britischen Auswertung tausender Hunde hatte der Dobermann die kürzeste mittlere Lebenserwartung von allen untersuchten Rassen, im Schnitt ca. 9 Jahre (Auswertung RVC). Über alle Rassen lag der Schnitt bei über zehn Jahren.

Weitere typische Krankheiten beim Dobermann

Das Herz ist nicht das einzige Thema. Hier kommen weitere Erkrankungen beim Dobermann, die man mal gehört haben sollte.

von Willebrand-Syndrom
Beim Blut hat der Dobermann von allen Hunderassen die höchste Rate der von-Willebrand-Krankheit, einer angeborenen Störung der Blutgerinnung. In einer Untersuchung an rund 15.000 Dobermännern waren über 70 Prozent Träger dieser Veranlagung (VCA zur vWD). Die meisten Halter merken davon nichts, bis eine Operation ansteht oder eine Wunde nicht aufhören will zu bluten.

Bei der Schilddrüse steht der Dobermann ebenfalls an der Spitze. Eine britische Auswertung mit fast einer Million Hunden hat ihm das höchste Risiko aller untersuchten Rassen für eine Unterfunktion bescheinigt (Studie zur Hypothyreose). Die Anzeichen kommen schleichend, mit Müdigkeit, Gewichtszunahme und stumpfem Fell. Auch deshalb gehört bei dieser Rasse ein Schilddrüsen-Check fest dazu.

Am Hals droht das Wobbler-Syndrom, eine Erkrankung der Halswirbelsäule, bei der Bandscheiben auf das Rückenmark drücken. Der Hund wird wackelig in der Hinterhand, bekommt Schmerzen und im schweren Fall Lähmungen. Der Dobermann gehört zu den am häufigsten betroffenen Rassen. An der Leber kennt kaum jemand die Dobermann-Hepatitis, eine chronische Leberentzündung, die fast nur diese Rasse so häufig trifft und überwiegend Hündinnen. In der Leber sammelt sich zu viel Kupfer an, das Gewebe entzündet sich und vernarbt.

Und dann sind da die blauen und falben Dobermänner. Diese verdünnten Farben sehen edel aus, sind aber ein Gendefekt. Bei vielen dieser Hunde fällt mit den Jahren das Fell aus, die Haut entzündet sich, der Dobermann wird schütter bis kahl. Das nennt sich Farbverdünnungs-Alopezie. In einer dermatologischen Untersuchung zeigten über 70 Prozent der blauen und falben Tiere genau diesen Haarausfall. Eine Farbe, die nichts kann außer hübsch aussehen, und die den Hund krank macht. Deutsche Züchter haben das erkannt und züchten daher nur noch ohne diese Farbverdünnung. In den USA sieht das leider anders aus.

Defektzucht, Genpool und kupierte Ohren

Der Dobermann ist eine zahlenmäßig überschaubare, eng verwandte Rasse. Genetische Analysen zeigen, wie wenig Vielfalt im Genpool übrig ist, ganze Abschnitte im Erbgut sind bei fast allen Tieren identisch. Je enger eine Rasse verwandt ist, desto eher häufen sich solche Erbkrankheiten. Das ist genau der Mechanismus, den wir auch von anderen Defektzuchten kennen, etwa bei der Französischen Bulldogge oder beim Deutschen Schäferhund. Ein verarmter Genpool, ein geschlossenes Zuchtbuch und mit jeder Generation kommt rechnerisch ein neuer Defekt dazu.

Beim Dobermann kommt ein politischer Punkt dazu. Der Dobermann-Verein, der das weltweite Patronat für die Rasse hält, hat eine verpflichtende Herzuntersuchung für Zuchthunde erst zum 1. Juli 2020 eingeführt. Davor war sie freiwillig, und das bei einer Krankheit, die jeden zweiten Hund trifft.

Auch die Optik erzählt davon. Der Dobermann, den die meisten im Kopf haben, hat spitze Stehohren und einen kurzen Stummelschwanz. Beides ist nicht natürlich. Beides wurde weggeschnitten, einzig und allein, damit der Hund schärfer und gefährlicher aussieht. Beim Kupieren wird einem gesunden Welpen ein Stück vom Ohr abgeschnitten, danach werden die Ohren über Wochen geschient.

In Deutschland ist das Kupieren der Ohren seit 1986 und der Rute seit 1998 verboten, und auf Ausstellungen sind solche Hunde längst tabu. Wer glaubt, das mache man im Welpenalter und der Hund spüre nichts, sollte sich fragen, wie er selbst so einen Eingriff fände. Schön ist daran gar nichts. Das ist Tierquälerei und kein bisschen weniger.

Für wen der Dobermann passt, und für wen nicht

Also, für wen ist der Dobermann jetzt? Wenn du noch nie einen Hund erzogen hast, ist der Dobermann nicht der ideale Anfang. Unmöglich ist es nicht, aber dann bitte mit einem guten Trainer an der Seite. Und wenn du wenig Zeit hast, viel unterwegs bist oder dir einen ruhigen Mitläufer wünschst, der sich von allein benimmt, dann ist diese Rasse die falsche.

Richtig aufgehoben ist der Dobermann bei Menschen, die gern in Bewegung sind und Lust haben, mit ihrem Hund auch im Kopf zu arbeiten. Bei Menschen, die Ruhe ausstrahlen statt Hektik und die wissen, dass Konsequenz etwas anderes ist als Härte. Und bei allen, die sich vorher ehrlich mit der Rasse beschäftigen, mit den schönen Seiten genauso wie mit den dreckigen.

Bleibt die Frage, woher der Hund kommt. Wenn es ein Welpe sein soll, dann hol ihn nur bei einem Züchter, der die Elterntiere auf Herz und auf von Willebrand untersuchen lässt und dir die Ergebnisse von sich aus zeigt. Wer da mauert, ist der Falsche. Und wer offen für einen erwachsenen Hund ist, findet im Tierschutz erstaunlich viele Dobermänner, weil so viele Menschen sie vorher überfordert haben. Der Dobermann ist anstrengend und im Unterhalt teuer, gerade gesundheitlich. Aber die Menschen, die ihn wirklich verstehen, würden ihn gegen nichts auf der Welt tauschen.

FAQ – Häufige Fragen zum Dobermann

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