Hundetraining

Tierheimhund Leitfaden – Hund aus dem Tierheim zieht ein? 4 häufige Fehler

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Ein Hund aus dem Tierheim zieht ein!

Die ersten Tage oder Wochen mit dem neuen Hund aus dem Tierheim verlaufen nicht immer so reibungslos wie man es sich vorgestellt hat. Der Tierheimhund hatte unter Umständen keinen optimalen Start ins Leben. Er bringt damit verbunden einen mehr oder weniger großen Rucksack an negativen oder auch fehlenden Erfahrungen mit. Du bist ab dem ersten Tag maßgeblich daran beteiligt, ob sich dein neues Familienmitglied in eine positive oder negative Richtung entwickelt.

 

Sozialisationsphase des Hundes

Jeder Hund durchlebt in den ersten 3 bis 4 Monaten seines Lebens die sogenannte Sozialisationsphase, in der die Basis für zukünftiges Verhalten gelegt wird. In der Sozialisationsphase wird also das Fundament für einen angstfreien und unbeschwerten Umgang mit anderen Menschen, anderen Tieren und diversen Umwelt- und Alltagsreizen gelegt. Als Besitzer eines Welpen hast du es selber in der Hand, ob aus deinem Welpen ein souveräner und angstfreier Hund wird oder nicht.

Tierheimhund und Sozialisationsphase

Adoptierst du einen Hund aus dem Tierheim hast du den Nachteil, dass die wichtige Sozialisationsphase in der Regel schon abgeschlossen ist. Zudem hat der Hund in der Sozialisationsphase unter Umständen schon negative Dinge erlebt, die ihn geprägt haben. Doch nicht nur negative Erfahrungen, sondern auch fehlende Erfahrungen können zu Problemen führen.

Ein Tierheimhund aus dem Ausland (z.B. Straßenhund) kennt lediglich sein ländliches Umfeld. Er wird in einer Großstadt mit all den ihm unbekannten Reizen mit ziemlicher Sicherheit hoffnungslos überfordert sein. Bedingt durch die meist unbekannte Vorgeschichte deines Tierheimhundes zieht also ein mehr oder weniger großes Überraschungspaket bei dir ein. Darauf solltest du dich bereits im Vorfeld einstellen.

Der Tierheimhund zieht bei dir ein – Vermeide diese Fehler!

Fehler 1: Vom Tierheim auf dem Weg nach Hause

Du weißt seit Tagen oder Wochen, dass ein neuer Hund aus dem Tierheim bei dir einzieht. Alle Vorbereitungen sind getroffen, die Hundeausstattung liegt schon lange bereit. Voller Vorfreude fährst du nun zum Tierheim, um deinen Hund abzuholen.

Du konntest dich also wochenlang auf Tag des Einzuges vorbereiten. Dein Hund aus dem Tierschutz kann sich jedoch nicht auf diesen Tag vorbereiten. Er wird gefühlt urplötzlich aus dem gewohnten Umfeld herausgerissen und in ein neues Umfeld verpflanzt. Möglicherweise war er vorher bereits in einigen Pflegestellen. Für deinen Hund bedeutet dieser (erneute) Umzug Stress pur!

Tierheimhund – Stressfreier Einzug

Hilf deinem Hund beim Stressabbau, indem du zu Hause angekommen einen ausgiebigen Spaziergang machst. Erst nach diesem Spaziergang betretet ihr die Wohnung zum ersten Mal. Sofern du inmitten einer Großstadt wohnst und die vielen Reize deinen Hund noch überfordern, verlege den Spaziergang anfänglich in eine etwas ruhigere Umgebung. Gut dafür eignet sich der Park in deiner Nähe.

Die Bewegung auf dem Spaziergang hilft deinem Hund aus dem Tierheim negative Energie abzubauen. Ihr erkundet gemeinsam das neue Umfeld und du kannst direkt schon mal ein paar Regeln an der Leine aufstellen. Viele Hundebesitzer lassen den Tierheimhund von Anfang an das Tempo und die Richtung bestimmen. Sie hängen dabei passiv am anderen Ende der straffen Leine. Kein guter Start, denn hier führt der Hund den Besitzer Gassi.

Leinenführigkeit vom ersten Tag an

Aus einer führenden Position heraus entwickelt ein Hund zudem sehr schnell ein falsches Pflichtgefühl gegenüber auftauchenden Reizen. Dein Hund fühlt sich dann für diese Reize verantwortlich, wie zum Beispiel fremde Menschen oder auch andere Hunde. Mit dieser Verantwortung können jedoch nur die wenigsten Hunde souverän umgehen. Das Resultat ist dann ein Hund der bellend in der Leine hängt.

Du siehst, dass die Leinenführigkeit ein sehr wichtiges Element in der Erziehung deines Hundes ist. Lass dich also nicht schon beim ersten Spaziergang an langer Leine im Zickzack durch die Gegend ziehen. Gib selber an eher kurzer Leine den Weg vor und fördere von Beginn an die Orientierung an dir.

Natürlich wird dein Hund trotz all deiner Bemühungen nicht völlig entspannt an lockerer Leine neben dir herlaufen. Dafür ist sein Stresspegel viel zu hoch. Dein Hund sollte aber dennoch merken, dass du ihn führst und nicht er dich. Deinem Hund nimmst du dadurch von Anfang an Verantwortung. Spaziergänge machen mit einem am Menschen orientierten Hund auch deutlich mehr Spaß als andersherum.

 

Fehler 2: Tierheimhund – zu Hause angekommen 

Vom Spaziergang zurück und an der Wohnung angekommen bleibt dein Hund bitte angeleint. Er soll die Wohnung mit dir gemeinsam kennenlernen und nicht ohne Leine unruhig und überfordert durch die Räume flitzen. Achte auch hier darauf, dass dein Hund dich nicht an langer Leine von Raum zu Raum zerrt, sondern dass du ihm den Weg und das Tempo vorgibst.

Mancher Tierheimhund möchte die Wohnung aus Unsicherheit oder Angst allerdings gar nicht erst betreten. Zerr deinen Hund auf keinen Fall an straffer Leine in die Wohnung hinein. In unserem Beitrag „Hilfe, mein Hund bockt!“ erkläre ich unter anderem, wie du am besten mit einem aus Angst oder Unsicherheit bockenden Hund umgehst.

Alternativ gibt es bei Anwesenheit einer zweiten Person noch die folgende Möglichkeit: Übergib die Leine der zweiten Person, die hinter dir und auch hinter deinem Hund steht. Du gehst nun ohne Leine in der Hand in die Wohnung. Dein Hund hat das Gefühl dir freiwillig und ohne Zwang der Leine zu folgen.

Tierheimhund und Bewegungsfreiheit

Nach der Wohnungsbesichtigung bietest du deinem Hund erstmal Wasser an. Danach bringst du ihn direkt für seine erste Ruhephase im neuen zu Hause auf seinen Liegeplatz. Der Liegeplatz sollte in einer ruhigen Ecke der Wohnung stehen. Dein Hund sollte zwar am Familienleben teilhaben können, jedoch sollte der Platz dort stehen, wo nicht jeder dran vorbeiläuft.

Befestige vorsorglich eine dünne Hausleine an deinem Hund, die während deiner Anwesenheit hinter deinem Hund her schleift. Sofern er von seinem Liegeplatz aufsteht, nimmst du ganz entspannt das Leinenende und bringst ihn ohne Worte oder Kommandos wieder zurück. Schau dir dazu auch unseren Beitrag „So entspannt dein Hund auf seiner Decke!“ an.

Tierheimhund und Entspannung

Ein eher unsicherer oder zurückhaltender Hund wird diese Ruhephase und die damit verbundene Distanz dankbar annehmen. Sie gibt ihm die Möglichkeit dich und auch das neue Umfeld aus sicherer Entfernung und ohne bedrängt zu werden zu verarbeiten. Auch ein sehr energiegeladener Hund mit Hummeln im Hintern profitiert von Ruhephasen. Er lernt dadurch die Pfote auch mal vom Gas zu nehmen.

Du siehst: Ruhe und Entspannung sollten gerade in den ersten Tagen ganz oben auf der Liste stehen. Aufmerksamkeit und Bespaßung dagegen ganz unten, da dies nur neue Aufregung und damit verbunden Stress für deinen Hund bedeutet. Auch solltest du deinen Hund aus dem Tierheim nicht direkt dem ganzen Freundeskreis und der Verwandtschaft vorstellen. Verschiebe das besser auf einen späteren Zeitpunkt, sobald dein Hund sich gut bei dir eingelebt hat.

 

Fehler 3: Dankbarer Tierheimhund 

Kein Hund ist im menschlich übertragenden Sinne „dankbar“, dass man ihn gerettet hat. So komplex kann ein Hund leider nicht denken. Ich höre trotzdem häufig von neuen Besitzern von Hunden aus dem Tierheim: „Er ist so dankbar, er folgt mir in der Wohnung überall hin!“ Bitte verabschiede dich von diesem Gedanken der Dankbarkeit.

Der Hund aus dem Tierheim oder Ausland merkt dennoch, dass es im neuen zu Hause Menschen gibt, die ihm freundlich und wohlgesonnen entgegentreten. Ein schon von Natur aus in sich ruhender, souveräner Hund kann übrigens besser mit der ungewohnt vielen Aufmerksamkeit im neuen zu Hause umgehen, als ein ängstlicher oder unsicherer Hund.

Angsthund aus dem Tierheim

Für einen ängstlichen oder unsicheren Hund bedeutet viel Aufmerksamkeit das absolute Worst Case Szenario. Diese geballte Fürsorge kann ihn, die ungefragt auf ihn einprasselt, viel zu sehr überfordern. Plötzlich zeigt er unerwünschtes Verhalten wie Knurren oder Schnappen, was zuvor niemals ein Thema war. Es liegt also an dir deinem Hund zu helfen und richtig auf ihn und seine Körpersprache einzugehen. Wie du das genau machst und was du unbedingt vermeiden solltest haben wir dir in unserem Beitrag „Hilfe, mein Hund hat Angst! bereits erklärt.

 

Fehler 4: Tierheimhund – Erziehung und fehlende Geduld

Viele neue Besitzer von einem Hund aus dem Tierheim erwarten viel zu schnell enorme Fortschritte im Training. Der Hund soll:

  • von Anfang an freundlich und aufgeschlossen gegenüber allen Menschen und Tieren sein
  • schon die erste Nacht im neuen zu Hause selig durchschlafen
  • am besten sofort stubenrein sein
  • nicht an der Leine ziehen
  • zeitnah ein paar Stunden entspannt alleine bleiben können

All diese Wünsche sind absolut realistisch … sofern … ein Stoffhund bei dir einzieht.

Tierheimhund und Alltag

Um die Umstellung von Tierheim auf das neue zu Hause so stressfrei wie möglich zu gestalten, solltest du den Alltag, den dein Hund im Tierheim hatte für ca. 2-3 Wochen beibehalten. Das bedeutet also in erster Linie viel Ruhe, da jeder Hund 17 bis 20 Stunden am Tag ruhen sollte. Für deinen Hund ist das besonders wichtig, da das Stresshormon Cortisol ca. 6 stressfreie Tage benötigt, um vom Körper wieder abgebaut zu werden. Und solange es im Körper verweilt, wirkt es sich unter Umständen auch auf das Verhalten deines Hundes aus.

Ruhephasen und Alleinbleibtraining

Von Anfang an eingehaltene Ruhezeiten im Körbchen sind ebenfalls eine gute Vorbereitung, um das Alleinbleiben mit deinem Tierheimhund zu trainieren. Viele Hunde haben mit dem Alleinbleiben ein Problem. Dieses Problem wird von Anfang an durch ständige Aufmerksamkeit und Bespaßung unwissentlich verstärkt. Durch die zugewiesenen Ruhephasen lernt dein Hund von Beginn an, dass er keine dauerhafte Aufmerksamkeit zu erwarten hat.

Spaziergänge mit deinem Tierheimhund

Die Ruhephasen sollten von ca. 3 bis 4 kurzen Spaziergängen unterbrochen werden. Lange Spaziergänge solltest du am Anfang vermeiden, da dein Hund die Reize, denen er auf dem Spaziergang begegnet, erst einmal wieder verarbeiten muss. Um die 20 Minuten pro Spaziergang sind anfänglich ausreichend.

Steigere die Zeit in kleinen Schritten, sobald dein Hund insgesamt entspannter ist.

Und ganz wichtig: Lein deinen Hund nicht ab, bevor du sein Verhalten zuverlässig einschätzen kannst und er abrufbar ist.

Finde in den nächsten Wochen erstmal heraus, ob er jagdlich motiviert ist, wie er auf andere Menschen, andere Hunde oder auch andere Verkehrsteilnehmer reagiert. Hat er vielleicht Angst vor bestimmten Dingen oder Geräuschen? Verwende bei einem unsicheren Typ Hund ein Sicherheitsgeschirr, damit er auf keinen Fall entlaufen kann, wenn er sich mal erschreckt.

Tierheimhund und neue Reize

Sobald du deinen Hund und sein Verhalten gut einschätzen kannst, setzt du ihn wohldosiert immer neuen Reizen aus. Neue Reize bedeuten:

  • er lernt nun langsam fremde, von dir ausgewählte, Menschen kennen
  • er kann Kontakt zu anderen, von dir ausgewählten, Hunden aufnehmen
  • ihr geht auch mal in einer fremden Umgebung mit mehr Reizen spazieren (Radfahrer, Jogger, Autos)
  • besucht eine Hundeschule

oder worauf auch immer ihr Lust habt.

 

Fazit

Sei dir bewusst, dass ein Hund aus dem Tierheim eventuell eine Sammlung an negativen oder auch fehlenden Erfahrungen mit sich bringt. Auch Amy kam im Alter von ca. einem Jahr aus dem Tierschutz zu mir. Sie hatte einen prall gefüllten Rucksack mit negativen und ebenfalls fehlenden Erfahrungen dabei.

Das erste gemeinsame Jahr war sehr anstrengend und kräftezehrend für mich. Der Aufwand hat sich aber absolut gelohnt. Hunde mit einer unschönen Vorgeschichte können treue Begleiter werden, sofern der Besitzer gewillt ist Zeit und Geduld in seinen Hund zu investieren. Der Hund hat es auf alle Fälle mehr als verdient. Er kann am wenigsten dafür, dass er im Tierheim landete oder von uns Menschen aus dem Ausland nach Deutschland „verschleppt“ wurde.

 

 

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